Herzzahl: Mitgemacht

von Redaktion tt-Blog

Gesehen, gedacht, gepunktet. Direkt nach jeder tt-Premiere beurteilen wir die Inszenierung in vier Kategorien. Am nächsten Tag folgt eine ausführliche Kritik.

Heute: “Die Kontrakte des Kaufmanns”

* STEHAUFMÄNNCHEN // ♥ ♥ ♥ ♥ //

* COUNTDOWN // ♥ ♥ ♥ _ //

* CASHFLOW // ♥ ♥ ♥ _ //

* ANLAGEBERATUNG // ♥ ♥ ♥ _ //

Wir sind laut

von Nikola Richter

Eine Frau steht mitten im Wedding auf der Verkehrsinsel und singt. Eine Mann mit Strumpfmaske schreit “Bildet einen Kreis, schließt die Augen”, dann geht er den Kreis entlang und lässt uns fühlen, wie sein Herz klopft. Später setzt er sich an die Panke, mit nacktem Oberkörper, und rezitiert Madonnas La Isla Bonita. So war das heute, bei der Workshop-Präsentation des Internationalen Forums. Die ganze Welt ist eine Bühne. Das weiß man zwar seit Shakespeares “Wie es euch gefällt”, aber auch das Theatertreffen erzeugt diesen seltsamen Entwirklichungssog. Je länger das Theatertreffen dauert, desto schwerer fällt es mir, vom Schau-Gespielten wieder in die echte, richtige Welt zurückzukehren. Jede Mutter, die ihren Kinderwagen über die Straße schiebt, jeder Penner, dessen Tattoos in der Sonne glänzen – sie alle wirken wir Mitspieler in einem einzigen Stück.

Als ich gestern auf der Fahrt nach Hause noch ein wenig der Vorstellung “Der goldene Drache” nachsinne, in Gedanken an die verschiedenen Male, die ich in Thai-Vietnam-Imbissen Nummer 3b (nicht scharf) bestellt habe, in Gedanken an die vielen Unbekannten Mitmenschen, die nicht durch ihren Zahn nach Hause telefonieren können, kreuzt die U-Bahn die Hauptroute des Karnevals der Kulturen. Hallesches Tor. Das Berliner Straßenfest findet in diesem Jahr zum 15. Mal statt und ist von einem Stadtteilfest zu einem touristischen Stadtfest geworden. Ein gesamter Kiez ist musikalisch und kulinarisch in einer globalen Daueraufregung. Argentinische Teigtaschen hier, sudanesische Kochbananen dort. Etwa 300 Multikultis quetschen sich in den Waggon, in dem ich auch sitze, einige von ihnen tragen Trommeln, fangen an, einen einfachen Rhythmus zu schlagen. Erst leiser, dann anschwellend. Andere – ohne Trommeln – schließen sich an, hauen mit der flachen Hand gegen die Decke der Bahn. Viele wippen mit, die Bahn fährt bebend durch die Nacht. Hier ist Platz für viele. Wir sind laut. Wir gehen nicht ab.

Raus mit euch!

von Judith Liere

Theater ist immer ein wenig wie die berühmte Katze im Sack oder die überzititierte Forrest Gump’sche Pralinenschachtel: Ob man die Inszenierung, für die man Karten gekauft hat, dann schließlich mag oder nicht, lässt sich vorher nicht sagen, selbst wenn man den Regisseur und dessen Handschrift kennt. Was tun, falls man dem, was auf der Bühne passiert, nichts abgewinnen kann? Ganz klar: einfach abhauen!

In Nicolas Stemanns Inszenierung “Die Kontrakte des Kaufmanns”, die heute abend tt-Premiere feiert, ist das Rein- und Rausgehen ausdrücklich erlaubt. Anlass genug für ein Plädoyer fürs Aufstehen.

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“Eine vernünftige Bühne ist a priori leer”

von Kai Krösche

Sie sind radikal aufs Wesentliche reduziert, die Räume, die der Bühnenbildner Johannes Schütz entwirft. Ein Gespräch über hartgekochte Eier, glückliche Arbeitsverhältnisse und die Zusammenarbeit mit Roland Schimmelpfennig.

Auf der weißen Bühne von "Der goldene Drache", vorne Christiane von Poelnitz als der schon gestorbene kleine Asiate mit Zahnschmerzen. Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Kai Krösche: Herr Schütz, machen Sie “abstrakte” Bühnenbilder?

Johannes Schütz: Das ist ein Beschreibungsversuch, den ich oft höre und noch öfter lese – aber ich finde meine Bühnenbilder alle sehr konkret, ich weiß gar nicht, was das ist, ein abstraktes Bühnenbild. Ich halte es für ein Missverständnis, wenn man glaubt, eine Bühne müsse vollgerumpelt sein und sich alle fünf Minuten oder alle halbe Stunde verändern – und wenn das nicht so ist, dass das dann sofort abstrakt sei. Ein leerer Tisch, auf dem nichts weiter liegt als ein hartgekochtes Ei ist ja auch erst einmal ein Stillleben und nicht gleich eine abstrakte oder informelle Äußerung. Oder eine Tischtennisplatte, auf der ein Tischtennisball liegt: Da besteht ja ein durchaus konkreter Zusammenhang zwischen Objekt und Unterlage. (weiterlesen…)

Live-Ticker um den Preiskampf zum 3sat-Theaterpreis

von Redaktion tt-Blog

Am Samstag Abend wurde der 3sat-Theaterpreis verliehen – vor Publikum und live übertragen auf 3sat. In der Jury: Schriftstellerin Juli Zeh, Schauspieler Burghart Klaußner und die beiden Kritiker Tobi Müller und Christopher Schmidt. Ringrichterin: Tita von Hardenberg. Die Spielregeln: 60 Minuten Zeit um sich auf eine „herausragende künstlerische Leistung aus dem Kreis der zum Theatertreffen eingeladene Inszenierungen” zu einigen. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert – und ging an Annette Paulmann und Paul Herwig, die Hauptdarsteller in “Kleiner Mann – was nun?” in der Inszenierung von Luk Perceval.

Wir haben live mitgebloggt. (weiterlesen…)

Was ist “das mehr”?

von Alexandra Müller

Zwei Wochen lang arbeiteten Stipendiaten des Internationalen Forums mit Autor und Regisseur Hans-Werner Kroesinger an dokumentarischen Texten über die Genozide in Ruanda und Armenien. Eine dokumentarische Collage mit Eindrücken von dem Workshop “History counts”.

Donnerstag 20. Mai, Uferstudios, Berlin-Wedding. Ich betrete einen verwinkelten Raum in einem Seitenflügel und treffe gleich auf ein paar geschäftig herumwuselnde Theatermacher. Schüchtern stelle ich mich vor, man bittet mich, Platz zu nehmen. In dem langgezogenen Raum gibt es eine kleine Sofaecke und einige dunkelgrüne Spinde, über und über mit Aufklebern aus aller Welt verziert. Ein Ende des Raums ist durch eine Wand abgetrennt, ich kann aber durch ein großes Fenster in den anderen Teil hineinschauen. An den Wänden kleben Post-It-Wolken und Notizzettelreihen, auf denen lese ich unter anderem Auszüge aus Paragraphen, zum Beispiel: “Wer vorsätzlich einen Menschen tötet §211″. (weiterlesen…)

Notes on Money and Science Fiction

von Shane Anderson

Money – It Came From Outer Space! No, this is not a long lost Sun Ra record, it’s the working title of Chris Kondek and Christiane Kühl’s workshop for tt 10′s international forum.

This year, the international forum, which brings together some of the best and brightest theater persons from around the world, focuses on the questions: ‘How can theater deal with the world? And what are the realities created by the art of theater?’

In their workshop, Kondek and Kühl have developed an interesting way to deal with the world, and with money in particular. They have asked the question: what happens when we talk about money as if it were a foreign creature, as if it weren’t the self-evident means to an end whose presence we take for granted everyday? And, furthermore, what happens if we look at money as we do science fiction films? What happens if we understand money as one of these abominable creatures? (weiterlesen…)

Auf der Schlachtbank Europas

von Anna Pataczek

Weiß ist gefährlich. Das wird schnell schmutzig. Und tatsächlich, der kleine Chinese spuckt Blut, er hört gar nicht mehr auf. Bis der ganze weiße Boden verspritzt ist und der Chinese auf ihn drauffällt. Er ist tot. Verblutet, weil ihm seine Kollegen vom China-Thai-Vietnam-Restaurant “Der goldene Drache” den schmerzenden Zahn mit einer Zange gezogen haben und die Wunde nicht stillen konnten.

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